Meinungen

Klaus Oberrauner, mag.phil, freier Kulturjournalist, Wien

Der Debut-Gedichtband „Sommer hat gelogen” von Bastian Geiken zeigt ihn als feinen Beobachter. Seine Gedichte sind in Episoden und Geschichten verwobene Gedanken, wie in Alltagsechtzeit umgesetzt.

Die Kritik bohrt mit augenzwinkerndem Schmunzeln auf sich selbst ein, baut breite Rahmen um die Bilder, aus deren Flächen der feine Farbstrich schimmert. Auch das Absurde und Skurrile hängt gut in seiner Galerie, wo selbst althergebrachte Motive und Szenerien nicht wie totgemauerte  Fingerzeigmahnmale in den Weg gewuchtet werden, sondern, wie eine Fata Morgana, zu vibrieren und neu zu leben beginnen.

Man liest einen Weg, spürt Geschichten, reflektiert Steinchen an Steinchen das Mosaik und schmunzelt mit den Worten. Eine bemerkenswerte Reise durch das Grau und wieder daraus heraus. Mit charmantem Lächeln über unsere Irrtümer und Vormachereien. Und das Gute: Er lehnt die Fenster an!

ttps://klausoberraunerblog.wordpress.com/

 

Annette Gonserowski, freie Kulturjournalistin, Kierspe

Sommer hat gelogen

ist das erste Buch, das Bastian Geiken vorlegt.

Das Buch hat es in sich. Auf 118 Seiten offenbaren sich uns so dichte Texte, die immer wieder innehalten lassen. Sie einfach als Entspannungslektüre hintereinander zu lesen, ist schier unmöglich. Aber wer sich auf sie einlässt, wird belohnt: Bastian Geiken ist ein scharfer Beobachter, der alles um sich herum aufzusaugen und in Worte zu gießen scheint. Und das sehr gekonnt!

Er bekennt im Titelgedicht am Anfang des Buches:

„Wer mich inspiriert hat? Jeder, der meinen Weg kam.
Vorbilder, Einflüsse? Lest doch bitte selbst nach.
Und was gibt’s über mich? Na, auch das steht in den Texten.“

Er wagt es, sich dem Leser zu offenbaren, schonungslos und ehrlich. Aber er offenbart ebenso auch das Gegenüber, das seinen Weg kreuzt. In Zeilen gegossen, bleibt nichts nebensächlich und oft erkennt man eigene Erlebnisse oder Begegnungen. Ich bin sicher: jeder wird sich in einem der vielen Gedichte wiederfinden und allein das macht das Buch schon so lesenswert.

Man merkt den Gedichten an, dass sie (auch) für die Bühne bestimmt sind, den Bastian Geiken ist als Poetry-Slamer auf den Bühnen in ganz Deutschland unterwegs. Langzeilige, oft die Seite füllende Gedichte, die den Focus auf das Innere des Wesens und des Lebens legen. Scheinbare Alltäglichkeiten werden zum prallen Leben um uns herum. Der Dichter legt sein Ohr an den Puls der Zeit. Die Texte machen atemlos, lassen oftmals das Lachen verstummen. So z.B. die letzte Strophe des Gedichts:

Neulich im Container:

„Sie sagt: „Es ist ja nichts wirklich Abfall
Was wir wegschmeißen, fressen noch die Ratten
Aber wenn du das hier anschaust, echt mal:
Warum sollen’s die Viecher denn so gut haben?“

Oder das Gedicht Nähe wagen, das so schmerzlich deutlich macht, wie Freundschaft heute oftmals definiert wird, wie sie der schnelllebigen Zeit der Social media unterworfen wird:

„Wir suchen uns doch so ziemlich schnell die aus, die wir mögen,
und werden dann quasi eins – und füreinander unsichtbar.
Ich bete, ihr seid noch wach, nehmt einander noch wahr
Und sammelt nicht einfach nur Kontakte, als wären’s schöne Möbel.

Du zeigst dich alle paar Wochen einen Abend mal ‘ne Stunde. Ach Liebchen,
du hast einfach keine Zeit? Wir haben sie vergessen, uns ging‘s gut
Ist doch witzig, wie Leute in einem stehengebliebenen Zug
Besser miteinander reden, als die, die sich mit and’ren nur schmücken.“

Und so könnte man praktisch jedes Gedicht herausnehmen, hervorheben. Jedes spricht für sich. Alle Texte haben etwas, das nachdenklich macht. Die Meinung zu teilen oder nicht, bleibt dem Leser überlassen. Aber die Gedichte sind wahrhaftig und machen wirklich betroffen. Gelassen bleibt man beim Lesen nicht.

Nichts bleibt unausgesprochen, nicht Alltägliches, nicht Zwischenmenschliches und nicht die Politik. Für mich ist es sogar ein sehr politisches Buch.

Auch die Liebe finden wir in diesem Buch. Ein vorsichtiges Nähern, Hoffen. Eines der zartesten Gedichte des Buches und für mich persönlich eines der schönsten ist

Selbstverständlich

„Ich will dich nicht mehr fernhalten,
bin endlich zu teilen bereit
Fangen wir langsam an
Und lassen wir uns Zeit. …“

Es ist kein bequemes Buch, aber ein sehr lesenswertes, das ich dem Leser sehr empfehlen möchte.

Veröffentlicht auf http://www.lyrikwelt.de

 

Claudia Rapp, Ph.D., Übersetzerin und Autorin , Berlin

Wir haben mal reingestöbert in Bastian Geikens Gedichtband mit dem schönen Titel Sommer hat gelogen. Gedichte??? Ich kann einige schon entsetzt abwinken sehen, aber wartet doch erst mal… Das kommt gar nicht so gedichtig rüber, jedenfalls nicht, wenn man damit Gesülze oder Schulunterricht verbindet. Also gut, vielleicht gab es da einen im Schulunterricht, in dessen riesengroße Fußstapfen man Bastian Geiken treten sehen könnte. Der schrieb zwar vor allem Theaterstücke, aber auch seine Gedichte hatten’s in sich. Zum Beispiel das von der Wolke, “sehr weiß und ungeheuer oben,” die nur Minuten blüht…

Ein bisschen Brecht?
Die Texte erinnern an das Politische, Kritische, Dialektische von Brecht, aber sie handeln von heute. Von Oben und unten, drinnen und draußen, reich und arm. Von Popkultur und Konsumblödsinn erzählen Worte und Bilder und Reime und Rhythmus, und auch von der Liebe, vom Alltag ebenso wie den besonderen, kleinen Momenten, die es sich festzuhalten lohnt. Aufzuschreiben lohnt. Vom Leben in der Stadt, dieser Stadt und anderen.

Ein bisschen Warnung, ein bisschen Impression
Die Balance zwischen ernsthaft und belanglos, zwischen harten und weichen Worten, Kapitalismuskritik und Momentaufnahme, die hat er drauf, dieser Slam-Poet aus Osnabrück. Rumgekommen ist er auch, hat geslamt und gelesen und geschrieben, und jetzt ist er in Berlin. Sommer hat gelogen ist sein erstes Buch.

Zwei winzige Kostproben:

Wir sind nicht kriminell,
wir sind gedankenlos.
Wir erschießen niemanden,
wir lassen verhungern.

…oder das hier:

Ich kann große Augen machen, so als gäb’s hier wirklich viel zu sehen.
Ich kann endlos ins Detail und nicht einmal in die Tiefe gehen.

http://www.indieberlin.de/?p=14179

 

 

Thorsten Schulte, Studium der Deutschen Sprache und Literatur sowie Medien- und Politikwissenschaft in Marburg, Literaturkritiker

Zwischen Popmusik und Poesie

Der Slam-Poet Bastian Geiken hat seinen ersten Gedichtband veröffentlicht

[Bastian Geikens] Gedichte zeichnen ein Bild der modernen Großstadt, in deren geschäftigem Treiben der Einzelne in der Masse verschwindet und sich jeder nur beeilt, von der Arbeit in den Feierabend und wieder an den Arbeitsplatz zu kommen: „Eine Stadt voller Fremder, in der man höflich Distanz wahrt“. Die rastlose Unruhe stets verplanter Menschen, die sich auf der Suche befinden, ohne ein Ziel zu kennen, schlägt sich in stakkatohaften Gedankenströmen nieder. Geiken schreibt über die Grenzen im Kopf, „die doch jeder selbst einrichtet“, darüber, wie der Glauben an sich selbst verloren geht. Im „Gespräch mit einer Obdachlosen“ erkennt der Leser, dass diese eine Freiheit für sich beanspruchen kann, die er nicht erreichen kann. Denn sie verfügt über Zeit – im Gegensatz zu den möglichst perfekt funktionierenden Arbeitern; die „Menschinen“ verteidigen in Geikens Gedichten ihren Wohlstand „schlicht, indem sie sich draufsetzen“.

Der Slam-Poet appelliert in einfacher und schnell zugänglicher Sprache an sein Publikum, Raum zu suchen für etwas Muße und neue Ideen – „verbringen wir Zeit miteinander“, „lasst uns doch etwas Nähe wagen“, ruft er seinen Lesern entgegen. Seine romantischen Botschaften sind ebenso unverstellt und klar wie seine politischen, tagesaktuellen Forderungen. Voller Ironie („Was die Mehrheit macht, ist immer vernünftig“) und mit unbändiger Energie schleudert uns der Autor seine Thesen entgegen: Auf „Fünf vor“ stehe die Uhr unserer Gesellschaft. Das olympische Feuer solle in die Slums von Rio getragen werden. […] Wir lebten im „Google-Land“. […] Ein wenig Rebellion wagt er. […]

Seltsam mutet zunächst […] die auffällig unvollkommene Form der Gedichte an. Unreine Reime sind in die Verse gestreut. Diese sowie ungewöhnliche Satzstellungen, Einschübe und Ausrufe ohne Angst vor vulgären Ausdrücken („Hör auf klugzuscheißen!“) erklären sich vornehmlich über den notwendigen Rhythmus der Verse. Bastian Geiken schreibt Gedichte für die Bühne. Es sind musikalische Gedichte, deren Klaviatur vom langsamen Blues bis zum aggressiven Rap reicht. Leicht sind die Bezüge zur aktuellen deutschsprachigen Musik zu erkennen – von Peter Fox bis Philipp Poisel. […]

Eng stehen die Gedichte beieinander, nur zwei leere Zeilen werden dem Sprung zum nächsten Gedicht zugestanden. Kein Platz wird vergeudet. Sogar kurz vor dem Ende einer Seite beginnt ein neues Gedicht, sodass der Text mitten in der Strophe auf die nächste Seite umbricht. Solche Einschnitte mitten in der inneren Einheit erwecken den Eindruck, dass das Ziel des Drucks war, möglichst viele Texte (109!) in einen engen Raum zu pressen. […] Bastian Geiken wäre gut beraten gewesen, die Anzahl der Texte einzugrenzen. Da sich die Themen ohnehin wiederholen, ohne wesentlich neue Aspekte anzusprechen, hätte eine mutige Auswahl den Eindruck eines Repetitionsverfahrens verhindert.

Und auch wenn die spontane und kreative Atmosphäre eines Poetry-Slams kaum in einem Gedichtband nachvollzogen werden kann: Sommer hat gelogen verdeutlicht immerhin, wie die moderne Lyrik der Poetry-Slammer die Kluft zwischen Poesie und Popmusik zu schließen vermag.

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22380

 

 

 

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