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              • Sommer hat gelogen
              • Die Stadt
              • Punkte
              • Museum
              • Narziss-Blues
              • Sicherheitsvorkehrungen für einen schönen Abend
              • Ersetzbar
              • Bill Murray
              • Teil und werd’ ganz
              • Reaktionen auf ein Liebeslied*
              • Profis
              • Draußen
              • Fünf vor
              • Macht
              • Verantwortung
              • Inventur
              • Perspektive
              •  

              • Sommer hat gelogen
              • Wahrscheinlich ist es immer gleich: am Anfang ist man ziellos
                und probiert einfach aus, vertreibt sich die Langeweile.
                Irgendwann nimmt es dann Form an, was du machst, etwas Eigenes
                entsteht und steht dir bei im ewigen Hoch – tief – hoch – tief – hoch.

                Dann wird man etwas stolz auf sein Schaffen und kriegt den Ehrgeiz,
                sich mit jedem neuen ›Werk‹ selbst zu überbieten.
                Das alles tut man mit sich, im Stillen. Während andere noch irren,
                hat man sich einen Ort geschaffen, von dem man sich nur selbst vertreibt.

                Einsam ist es dort, man verlässt das Spiel und wird Erzähler
                Man vermag nichts mehr zu berühren und ist den Dingen doch näher
                und mag sich einbilden, auch die großen Meister wären allesamt schon hier gewesen.

                Und irgendwann wird’s einem wichtig, das Gekritzel. Die Arbeit
                schreit nach Anerkennung. – Doch ist mein Nachtgewächs bereit
                für’s Licht der Welt? Kann es an der Luft überleben? (…)
                 

              • Die Stadt
              • Sie verschlingt Erde und Gras und trinkt Seen leer,
                schließt Wälder in ihre Arme aus Beton und Ziegelstein
                Sie atmet gierig frische Luft durch ihre Schornsteine ein
                Der Boden vibriert und ist warm, sie atmet schneller

                Leben schießt durch ihre Schächte, rast durch ihre Straßen,
                beeilt sich durch ihre Gassen und macht und erneuert
                Wo es nicht mehr hinfließt, stirbt ein Teil. Trotzdem wächst sie weiter
                Sie krallt sich tief im Erdreich fest, will immer mehr vom Himmel haben

                Alles, was man wissen kann, lagert in ihren Archiven,
                das vergisst sie oft selbst und ist sich unschlüssig
                Sie ist berauschend, wunderschön, eitel und geltungssüchtig

                Sie lädt alle ein, zu kommen und vernachlässigt dann viele
                Manchmal schießt sie sich selbst in den Fuß, die Idiotin
                und manchmal wackelt die Erde und bricht ihr einen Zacken aus der Krone
                 

              • Punkte
              • Ich sammle großartige Erinnerungen wie Trophäen,
                doch ich hab nicht mal ein Haus, ich schlafe unter freiem Himmel
                Ich bin grad erst gekommen und muss gleich wieder gehen,
                raus aus dem Moment und zurück ins Getümmel,

                wo ich wieder nur ein Punkt bin, doch mit allem verbunden
                durch meine Gleichgültigkeit, die niemanden bevorzugt
                Ja, ich mag die Nacht, die mich einhüllt und wie ich für Stunden
                dem Durcheinander zusieht, in dem jeder jemanden sucht

                Und ich liebe sie alle, ihre verschwenderische Wärme
                Ich tauch einfach in sie ein und muss niemanden erst fragen
                Und mögen sie mich auch alle heimlich anschauen und bewerten,
                es stört mich überhaupt nicht, solang sie’s mir nicht sagen

                Ich fühl mich frei wie’s nur allein geht und muss es doch nicht sein
                Es ist unwahrscheinlich einfach dadurch, dass wir uns nicht kennen
                Wir fühlen uns großartig und haben mehr als das auch nicht gemein
                Wir wandern durch Schatten und kommen dahin, wo die Lichter brennen
                 

              • Museum
              • Ein paar Meter Bücher, ein Stapel Zeitschriften
                mit so ziemlich allem von Musik bis Wirtschaft,
                Bilder natürlich und eingerahmte kluge Sprüche,
                ein Poster von nem Film, der mich beeindruckt hat.

                Leere Flaschen edlen Gesöffs und Geschenkgläser,
                Bettwäsche mit Karos drauf, ein Retro-Funkwecker,
                eine CD-Sammlung – auf einem Laptop
                mit ›Wer nicht kämpft, hat schon verloren‹ – Sticker.

                Ein Spiegel, über dem ›Man of the year‹ steht,
                eine Pinnwand voller Wünsche, ein paar Gesellschaftsspiele,
                ne große Tasse mit Kleingeld, ein Traumfänger,
                Hausschuhe, ein Schuhkarton voller Briefe.

                Ein paar Fotoalben, einige Ordner, eine Sporturkunde,
                ein paar Scherzartikel vom letzten runden Geburtstag,
                das Gedicht einer Freundin, eine Gitarre, ein paar Hanteln,
                ein Baustellenschild und ein Konzertplakat.

                Ein Frühstücksgutschein, ein alter 5 DM-Schein,
                ein Strohhut und ein Lederband mit nem Haifischzahn,
                meine Top 5-Listen aller möglichen Dinge
                und die Titelblätter vom Tag, als Obama die Wahl gewann.

                Ich lass die Leute gerne gucken, und wer mich was fragt,
                dem erzähl ich auch ein bisschen.
                Nachts dreh ich die Runde mit der Taschenlampe,
                auf dem Holzstuhl neben der Tür schlafe ich im Sitzen.
                 

              • Narziss-Blues
              • Eines Tages sagte mir jemand,
                dass die Erde um die Sonne kreist
                Ja, eines Tages, da sagte mir jemand,
                dass die Erde um die Sonne kreist
                Danach fühlte ich mich so niedergeschlagen und unwichtig
                wie Taubendreck auf dem Bürgersteig

                Eines Tages verriet mir jemand,
                dass ich nur ein wenig behaarter Affe bin
                Ja, eines Tages vertraute man mir an,
                dass ich nur ein wenig behaarter Affe bin
                Ich war erschrocken und empört und ging am Sonntag in den Zoo,
                herauszufinden, ob es stimmt

                Eines Tages erklärte mir jemand,
                dass ich nicht kontrollier, was ich tu oder denk.
                Eines Tages erklärte man mir,
                ich kontrollier weder, was ich tu, noch was ich denk
                Ich dachte mir »Gut, das erklärt ja einiges…«
                und gleichzeitig war ich tief gekränkt.
                 

              • Sicherheitsvorkehrungen für einen schönen Abend
              • Ich kann große Augen machen, so als gäb’s hier wirklich viel zu sehen.
                Ich kann endlos ins Detail und nicht einmal in die Tiefe gehen.
                Ich kann mich vor allen wichtigmachen und dann vor dir bescheiden tun.
                Ich bin Klasse, du bist Klasse. Schau, so gehts uns beiden gut.

                Ich kann so interessiert tun, dass du mir alles erzählen willst.
                Ich kann vier Minuten lang nicken, damit du dich bestätigt fühlst.
                Ich kann meine Worte wählen, dass sie dir schmeicheln.
                Ich kann dich eitel sein lassen und mir charmant auf die Zunge beißen.

                Ich kann dir entgegenkommen, die richtigen Fragen stellen.
                Ich kann dir helfen, deine Geschichte etwas spannender zu erzählen.
                Und ich kann alles, was ich von mir geb, so allgemein halten,
                dass es ziemlich unmöglich ist, darüber noch zu streiten.

                Sicherheitsvorkehrungen für einen schönen Abend
                 

              • Ersetzbar
              • Am Ende war er sich sicher: das Leben ist automatisch
                Wo immer man landet, erkennt man dieselben Mechanismen
                Die großen Hebel legen andere um und das bisschen,
                was man selbst entscheiden kann,
                kann einen selbst dann irgendwann
                nicht mehr überraschen. Die Welt passt in deinen Bauchnabel

                Die immergleichen Sätze auf der Arbeit könnten vom Band kommen
                Ein dressierter Affe könnt’ die entsprechenden Knöpfe drücken
                Ein Wackeldackel auf deinem Platz im Sitzungsraum verkündet
                uneingeschränkte Zustimmung
                Die Tür schließt sich selbst zu,
                ein „Bin gleich wieder da“-Schild mit einem Smiley hängt daran

                All’ deine Kollegen und Freunde, so scheint es dir zumindest,
                träumen, wenn du erzählst und warten nur, bis sie mit reden dran sind
                Dir ist, als hättest du dich für sie bereits in Luft verwandelt
                Da könnte man auf deinen Stuhl
                auch einfach einen Spiegel stellen
                und hoffen, dass sie sich dadurch bald selbst eklig finden

                Wo es sich anzulegen lohnt, rechnen Menschinen für dich aus,
                du kannst sie ebenso bezahlen, deinen Papierkram zu ordnen
                Für alles, was man sich wünscht, gibt es farbenfrohe Vordrucke
                Weihnachts- und Gratulationskarten
                gehen jedes Jahr mit gleichen Namen
                und neuem Datum an gleichgültige Leser raus

                Schreib alles in deinen Terminkalender, alle Geburtstage und Jubiläen,
                bereite Reden und Geschenke für die nächsten dreissig Jahre vor
                Immer, wenn der Wecker klingelt, springt ein HiWi auf und fort
                Du lässt grüssen, bist verhindert
                Sie werden sich immer an dich erinnern
                Und du trittst glücklich durch den Spiegel und wirst nie mehr gesehen
                 

              • Bill Murray
              • Ich schau ihn mit gelben Augen an, über mein leeres Glas, und sag:
                »Wir sind alles arme Schlucker und das Leben ist ’ne Schnäppchenjagd.
                Man schießt irgendwo ’n Preis und ist zufrieden – nur nie länger.
                Wir hätten genug zum Glücklichsein, dürften uns nur nie verändern.«

                Er nickt nur, gleichgültig, und kramt in seinen Taschen.
                Ich denk zehn Dinge auf einmal und versuche, mich zu fassen:
                »Uns‘re Leben sind programmiert! Und wer Zweifel hat, der kann
                ja mal in ein Flugzeug steigen – schau dir die Stadt von oben an!

                Da siehst du Millionen Leben in geregelten Bahnen verlaufen:
                Punkt A, Punkt B, Punkt C, es gibt selbst einen Ort für Pausen.
                Und nein, ich hab nicht viel gesehen, doch Muster kann man begreifen.
                Und ja, ich bin ein Teil davon, doch ich fühl mich hier nicht heimisch.

                Fühl mich wie’n Spion oder Agent, nichts kommt mir vertraut vor.
                Wofür bin ich hier? – Soll ich irgendwen… enthaupten?!
                Schau, wir hängen doch hier schon wieder im selben Loch wie immer rum
                – Die Welt ist nicht viel größer! – Was meinst du dazu?«

                Er sagt: »Es gibt Ordnung, es gibt Muster, es gibt Typen, stimmt.
                Wie viele Farben kennst du? So viele wie ich und jedes Kind
                Und wie viele Buchstaben gibt es? Ich seh, du verstehst schon.
                Schlag niemandem den Kopf ab, bezahl lieber die Rechnung.«
                 

              • Teil und werd’ ganz
              • Teil und werd’ ganz mit mir. Ich seh doch, was los ist
                Dafür bin ich da, ich sag es dir
                Schrei mich an, schlag nach mir
                Die Hälfte fang ich auf,
                deine kleinen zarten Fäustchen verletzen mich sowieso nicht

                Ich kann dich provozieren wie er, wenn du möchtest
                Üb an mir, wein dich aus,
                nimm dir alle Zeit, die du brauchst
                Quengel wie ein Kind
                Sag es genau wie du denkst. Du bist zuhause

                Nimm es nicht mit ins Bett. Wirf es auf mich
                Ich bin die leblose Wand,
                auf die du alles projizieren
                und gegen die du treten kannst,
                bis du zusammenbrichst. Danach halt ich dich

                Hast du sie erst selbst gehört, deine hassgiftigen Worte,
                sind sie raus wie ein Stachel
                Mach dir keine Sorgen,
                mir können sie ja gar nichts,
                denn sie sind nicht für mich. Es ist alles in Ordnung

                Mach dir und mir nichts vor, ich geh sowieso nicht weg hier
                Du kannst kratzen und fauchen
                und ich kann die Vernunft spielen,
                renn Kopf voran gegen mich
                Ich weiß, du fühlst dich eingesperrt. Lass dich aus an mir

                Teil und werd’ ganz mit mir
                 

              • Reaktionen auf ein Liebeslied*
              • *während eines Konzertabends und aus der Sicht des Liedermachers

                Ich künd ein Liebeslied an, es gibt ein Raunen und Gemurmel
                Augen drehen sich zur Decke wie »Meint er das ernst jetzt?«
                »Das will doch keiner hören«,
                beginnt man hinten schon zu nörgeln.
                Während ich ansag, gibts Diskussionen und auch paar böse Scherze.

                Sie haben noch nichts gehört, doch beim Gedanken an Liebes-Kitsch
                kriegen abgebrühte 90er-Babies kollektiv das Würgen.
                Wer verliebt ist, soll’s ja sein,
                doch drüber singen? Oh, bitte nein!
                Damit sollt’ man ihrer Meinung nach gar nicht mehr auftreten dürfen.

                Sie wollen lieber was Witziges, auch gern auf Kosten anderer
                Ja, der Deutsche liebt halt die Schadenfreude fast wie den Befehlston.
                Manchmal geht auch nachdenklich,
                doch Liebeslieder bitte nicht!
                Wenn’s schon persönlich sein muss, soll jemand einen drauf bekommen.

                Man will Konflikt. – Ja, dass sich da vorn einer aufregt
                und all die Dinge sagt, die man sich selbst nicht zu sagen traut.
                Ein schweres Schicksal kann berühren,
                weiß man gut zu pointieren,
                doch über ›das Schönste der Welt‹ sind wir scheinbar wohl hinaus

                Was wissen wir auch davon? Wir schauen Pornos in der Mittagspause
                und sind im direkten Kontakt mit dem anderen Geschlecht
                furchtbar verklemmt und unbeholfen.
                Wir leiden ja schon auf’s Äußerste,
                wenn wir ein bisschen Haut sehen und verwechseln das dann echt mit Liebe.

                Es können ja nicht mal zwei Fremde miteinander tanzen,
                ohne sich vom and’ren bedrängt oder angemacht zu fühlen – schwer!
                Was passiert denn jetzt im Film?
                Ist das, was man hören will,
                was der andere wirklich denkt – oder glaubt man sowieso an nichts mehr?

                Darf man seinen Lieben sagen, dass man sie liebt? Oder ist das Thema
                etwa so privat, dass man mit niemandem drüber sprechen darf?
                Jeder denkt für sich,
                was diese Sache wohl sein könnt’ und trifft
                nie einen Gleichgesinnten, Erdbeerfelder liegen brach.

                Der Zeitgeist ist Spott, halbernst, Ironie und Sarkasmus.
                Der Popsong hat seine Unschuld verloren und Kotze am Ärmel.
                Vielleicht zieh ich das in Betracht
                und bess’re meine Liedchen nach
                und beleidige und reiß Witze, wenn’s das ist, was jeder hören will.
                 

              • Profis
              • Wir hängen nicht am Spieltisch,
                wir spekulieren.
                Wir sind keine Zuhälter,
                wir sind Prolls.

                Wir sind nicht ›bildungsfern‹,
                wir sind lernfaul.
                Wir spritzen uns keinen Dreck in die Venen,
                wir essen ihn.

                Wir sind nicht kriminell,
                wir sind gedankenlos.
                Wir erschießen niemanden,
                wir lassen verhungern.

                Wir zünden keine Autos an,
                wir gehen zum Arzt.
                Wir schmeißen keine Scheiben ein,
                wir langweilen uns.

                Wir sind nicht wütend,
                wir sind enttäuscht.
                Wir sind keine Schmalspur-Gangster,
                Wir sind Profis

                …denn uns kriegen sie nie.
                 

              • Draußen
              • Zerbroch’nes Glas bringt doch nichts.
                Ich will einen Verantwortlichen!
                »Bitte bleiben Sie in der Leitung,
                wir werden jemanden finden.«

                Die Revolution ist da, in den Straßen
                Was ist, wollen wir sie reinlassen?
                In die Justiz, ins Hohe Haus, in unseres,
                dass sie mal ankommt, die Arme?

                Die Mauer wird schon wieder gesäubert,
                das Wort soll nicht bis zu uns dringen
                Der Wildwuchs wuchert bis zum Asphalt,
                es grünt im Bereich des Möglichen

                Schau nur einmal von draussen rein,
                es ist ein lohnenswerter Einblick
                Papa sitzt auf dem Fernseher vor dem Sofa,
                starrt die Wand an und merkt nicht, was falsch ist.
                 

              • Fünf vor
              • Über Millionen Kilometer Straßen und Schienen
                kommen kürbisgroße Tomaten zu uns
                An jeder Ecke winkt uns Unterhaltung
                und das Flugzeug wartet für Wochenendtrips

                Warum auch nicht? Wir haben’s uns schließlich verdient
                Oder sollen wir, die so hart arbeiten
                jetzt noch auf die paar Annehmlichkeiten
                verzichten, weil das zufällig alles schädlich ist?

                Erstens und nochmals: wir arbeiten hart
                Weil das alte Ideal immer noch vorgeht:
                Ermahnt, wer nicht fünf vor auf der Matte steht
                Uhrzeiger zersägen uns’re Kreativität,
                motzen beim rauchen aber dann pünktlich wieder anfangen

                Wir sind nicht wählerisch. Wir leben ja
                mal wieder in schwierigen Zeiten
                voller Kurzverträge und Firmenpleiten
                Hier und in China erzählen sie den Leuten das gleiche:
                Wettbewerbsfähigkeit, böser Feind, stolzes Land
                Der Druck ist hoch, zuhause wollen wir nur noch entspannen

                Zweitens: wir sind zum Sparen erzogen
                Ja, was wir billig kaufen hat seinen Preis
                Wenn das heute auch bald jeder weiß:
                in uns’rer Geldsorge erscheint
                uns jedes Wochen- und Monatsangebot einmalig

                Wir fühlen uns sowieso von Grund auf betrogen
                Die ganzen Steuern, all der Papierkram,
                alles scheint teurer und komplizierter als damals
                Dazu die Meldungen, die beunruhigen, Angst machen
                Das macht müde… Lass von Bier und Schokolade
                Pickel kriegen, nicht mehr reden und mit off’nen Augen einschlafen

                Ablenkung ist schnell, leicht zu haben und günstig
                Jedem Arbeitslosen steht ein Fernseher zu
                Im Netz wird Kunst verschenkt und gut,
                wem das nicht taugt, der vergleicht Discounterpreise

                Was die Mehrheit macht, ist immer vernünftig
                und das alles zu hinterfragen
                kostet Zeit, die wir nicht haben
                und macht einsam – mitunter auch Feinde

                Sie lassen uns alles, nur keine Ideen produzieren
                und verkaufen uns eben so viel Spaß,
                dass es immer nocht geht, uns grad
                die Wut nicht packen, der Kopf nicht explodieren mag
                Schneller Ausweg, schnelle Rückkehr – da biste wieder

                Wir glauben, wir haben uns im Griff aber kurieren
                nur die Symptome, nicht die Krankheit
                Ein Blick zum stillen Nachbarn, der antreibt
                Es stimmt: irgendeine Ordnung muss sein
                aber unsere sieht aus, wie ein Mann, der in einem
                Auto sitzt, monologisierend, im Anzug mit Stehkragen

                und einen Schlauch vom Auspuff durchs Fenster gelegt hat
                 

              • Macht
              • Je mehr Macht man hat, desto weniger Spielraum bleibt
                Je höher man kommt, desto dünner wird die Luft, natürlich
                Der paranoide König hat an Leibwächtern vierzig,
                seine große Macht dient nur noch dem eigenen Erhalt

                Je mehr man verlieren kann, desto weniger will man wagen
                Je mehr man unterschreibt, desto mehr Clubs gehört man an
                Leg für jeden ein gutes Wort ein und sieh, was dabei rauskommt
                Für je mehr man sprechen will, desto weniger darf man sagen

                Der König kennt die Welt aus Gesprächen in seinem Esszimmer
                Da beschreiben ihm allabendlich die Reichen, wo die Probleme liegen
                Er selbst traut sich kaum noch hinaus, bildet sich ein, er habe Fieber,

                nimmt stundenlange Bäder und schickt nur noch seine Vertreter
                Traurig schaut er auf die Gemälde, Skulpturen und teuren Möbel
                in seinem Arbeitszimmer – Soll sie doch haben, wer sie möchte!
                 

              • Verantwortung
              • Würde sich mal einer stellen
                und ehrvoll seine Strafe büßen,
                er setzte ein Zeichen gegen die professionellen
                Lügner, die glauben, dass sie alles dürfen.

                Übernähme mal einer Verantwortung
                und würd’ mit Würde untergehen,
                glaubten manche vielleicht wieder an sowas wie Ordnung.
                Wer drauf wartet – viel Vergnügen!

                Würd’ mal einer ein Opfer bringen
                und seinen falsch erkauften guten Ruf,
                der mit seinen Absichten nicht übereinstimmt,
                seine Arroganz und seinen Hochmut

                eintauschen gegen ein reines Gewissen
                und Befreiung von der stet’gen Angst,
                jemand könnt’ um sein Geheimnis wissen
                und ihn verraten eines Tags.

                Hätte nur einer den Schneid
                und würd’, selbst wenns ihn ruinierte,
                sagen, was er heimlich weiß,
                erzürnte es auch noch so viele

                artverwandte Großganoven,
                die gern weiter ohne Namen blieben,
                enthüllte einer seine Methoden,
                wären es hunderte, die fielen.

                Selbstverliebte Oligarchen,
                die nicht mal ihren Partnern trauen,
                über den Wolken keine Sorgen haben
                und aus Langeweile Imperien bauen.

                Einer aus ihren eig‘nen Reihen
                müsste Hochverrat begehen
                und mit uns Informationen teilen,
                auf dass wir endlich klarer sehen.

                Komm zu uns hinab und gib
                uns’rer Verachtung guten Grund.
                Sag uns, wie es wirklich ist,
                bestätige uns’re Vermutungen.

                Spring ab vom Zug, du Täter,
                außer paar Brüchen, was soll passieren?
                Komm schon, früher oder später
                hätten sie dich wegrationalisiert.

                Würde sich mal einer stellen…

                Würd’ mal einer aufstehen und rufen:
                »Nein, das geht zu weit!«,
                die Courage haben, sich aufzulehnen
                gegen die stille große Einvernehmlichkeit,

                in deren Vakuum der Zweifel
                des Einzelnen erstickt,
                wenn er ihn nicht packt und herausbrüllt,
                im Namen derer, die er doch vertritt.

                Würd‘ es mal einer wagen,
                gegen den Rest der Partei zu stimmen,
                selbst wenn sie danach fragten:
                »Bist du abtrünnig oder farbenblind?« ,

                das Taktieren zugunsten von Geldgebern
                und der eigenen Karriere
                zurückzustellen vor den Interessen derer,
                ohne deren Stimme er gar nichts wäre.

                Volksvertreter, die sich nach Kontakt
                mit dem Volk die Hände waschen,
                die nur Legitimation einholen für das,
                was sie die Wirtschaft entscheiden lassen.

                Einer aus diesen edlen Kreisen
                müsste das Bundesadler-Nest beschmutzen,
                die Kontrolle von außen aufzeigen,
                dass wir paar Überfliegern die Flügel stutzen,

                paar Drehtüren polizeilich überwachen
                und paar Jobs neu verteilen.
                Gib den Rufmördern Waffen
                und stell dich auf langen Urlaub ein.

                Halt allen den Spiegel vor, sodann
                kannst du arm und zufrieden deines Weges gehen.
                Sieh es ein: Irgendwann
                hätten sie einen wie dich schon abgesägt.
                 

              • Inventur
              • Die Disneylands mit schwitzender Armut unter frohen Masken
                Die Schminksets für Sechsjährige, die rosaroten Plastikküchen
                Die Lichtschwerter, für die wir Batterien kaufen müssen
                Die sprechenden Plüschtiere, die Sammelbilder mit Fussballfratzen

                Die schrecklichen Trostpreise beim Loseziehen auf dem Jahrmarkt
                Model-Barbies für die Mädchen, Plastikgewehre für die Jungs
                Ihr könnt es alles zurückhaben, wir scheren uns nicht drum
                Es steht nur uns’rer Phantasie im Weg. Legt die Fabriken lahm
                und beschäftigt die Arbeiter dort, wo man sie braucht
                Das Einkaufszentrum in meiner Straße ist so glücklich wie ein Krankenhaus

                Die Freiheitsstatue-Schlüsselanhänger, die Eiffelturm-Feuerzeuge
                Die „I love Einebeliebigestadt“-T-shirts und -Taschen
                Die zynischen „Glücks“-armbänder, die einen Straßenmarkt des Elends schaffen
                Die Wegwerf-„Geschenkideen“, die Identität durch „Kundentreue“

                Die Ballons, Kugelschreiber und Notizblocks in Parteifarben
                Die 1-Euro-Lieder-die-Sie-kennen-6-CD-Boxen
                Wir haben alles schon doppelt, können es nirgendwo mehr hinstopfen
                Wir sagen ein letztes Mal nein, dann müsst ihr’s begriffen haben
                Ab jetzt schmeißen wir den Müll zurück, den ihr uns nachwerft
                Die Inventur ergab: bis es im Winter wieder schneit kein Bedarf mehr

                Die Peilsender-Telefone, die uns das Denken abnehmen
                Uns’ren neuen Himmel, das Internet, in dem jeder liest, was er will
                Die Weltraumprogramme, die leider nur Wissenshunger stillen
                Die Satelliten, die Drohnen lenken und das Wetter vorhersehen

                Die Schach spielenden Roboter, die sich fragen, wozu man sie schuf
                Die Solarien für Blassnasen, Spielparadiese für Burn-Out-Fälle
                Wir haben alles ausprobiert, doch das verführend Praktisch-Schnelle,
                Es verwirrt nur uns’re Sinne, wir haben davon mehr als genug
                Euer Fortschritt ist keiner, wenn er nicht allen zugute kommt
                Passt auf, es spricht sich rum: am Ende weiß sogar die Kanzlerin davon
                 

              • Perspektive
              • Wir machen uns überflüssig
                Programmieren einen Tag
                und er läuft von ganz allein

                Noch ist das nicht ausgereift
                Die Feinarbeiten dauern,
                doch das haben wir bald.

                Dann müssen wir uns um nichts
                mehr kümmern, keine Wege
                und keine sinnlose Anstrengung

                Keine Angst, kein Krieg
                Kein Streben, kein Unterschied
                Menschenleere Zukunft.

                Alles läuft hoch produktiv,
                effizient, rund um die Uhr
                Es brennt immer ein Licht

                Da kommt sicherlich kein Einbrecher
                je auf die Idee.
                Selbst wenn: er fände nichts.

                Die Dinge, für die es keine
                Nutzer mehr gibt, werden gleich
                wieder recycelt, der Schornstein qualmt

                Was sich abnutzt, verfällt
                und wird neu, bis zum Ende
                Noch leuchtets überall.

                Es brummt, es wirtschaftet,
                es dreht sich im Kreis
                und es legt niemand mehr Hand an.

                Perfekt. Unsre Aufgabe auf Erden
                ist beendet, auf gen Himmel
                Vielleicht wartet dort ja
                – es bleibt abzuwarten –
                auf unsere Seelen
                noch irgendwas And’res

                 
                 
                 

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